Plastik Santeros - ein Wort zur Warnung an Suchende


Seit die Religion der afrokubanischen Santeria auch hier in Deutschland immer bekannter wird, häufen sich bei mir die Anfragen von Personen, die "nur mal eben kurz" eine "Einführung in die Santeria" wollen und dabei dann möglichst auch ein paar "Sprüche und Rituale" lernen möchten.
Hierzu kann ich nur sagen, dass dies so nicht möglich ist.
Santeria ist in erster Linie eine Religion, in die man durch ein Ritual (ähnlich der Taufe im Christentum) aufgenommen wird. Dieses Ritual kann nur durch ordentlich initiierte Priesterinnen (Santeras) und Priester (Santeros) durchgeführt werden. Bei dieser Aufnahme in die Religion ist auch immer mindestens eine zweite Person anwesend, die ebenfalls initiierte Priesterin bzw. Priester der Santeria ist. Diese zweite Person fungiert als Stellvertreter des spirituellen Elternteils (Madrina oder Padrino), falls diese mal verhindert sein sollten und dient dem neuaufgenommenen Mitglied ("Godchild" oder "Ahijado") ebenfalls als Ansprechpartner bei Fragen, Sorgen oder Nöten. Der Neuaufgenommene gehört durch das Aufnahmeritual einer Religionsgemeinschaft (Santeria) und einem bestimmten "Haus" (Ilé) an, nämlich dem seiner Madrina bzw. seines Padrinos. Allerdings ist er dadurch noch kein Priester dieser Tradition und nicht befugt, irgendwelche Riten innerhalb der Santeria für andere Menschen durchzuführen.
Leider begegnen mir in letzter Zeit immer wieder Menschen, die die Durchführung von Santeria-Ritualen anbieten und dabei vorgeben, ordentlich eingeweihte PriesterInnen dieser Religion zu sein. Ein Großteil dieser Menschen wurde noch nicht einmal in die Tradition aufgenommen, allerdings geben sie vor, innerhalb dieser Tradition zu arbeiten. Würde man diese Situation auf das Christentums übertragen ist das in etwa so, als würde ein ungetaufter Mensch andere Menschen taufen, in der Kirche das Abendmahl abhalten (inklusive Wandlung von Brot und Wein durchführen), Beichten anhören und Absolution erteilen, Trauungen vornehmen und Beerdigungen leiten, alles in einer Kirche und im Ordinat eines christlichen Geistlichen.

Wenn man die Entstehungsgeschichte der Santeria betrachtet, weiß man, dass diese Tradition ihre Wurzeln in Westafrika hat. Von dort verschleppte Sklaven wurden in "der neuen Welt" dazu gezwungen unter menschenunwürdigsten Bedingungen den Reichtum ihrer weißen "Herren" zu vermehren. Es wurden Frauen, Männer und Kinder aus ihren gewohnten Umgebungen herausgerissen, ihren Familien entwurzelt und gewaltsam auf die Sklavenschiffe verbracht. Dort wurden sie zusammengepfercht, viele starben an Entkräftung, Hunger und Verzweiflung. Andere sprangen während der Überfahrt über Bord, wo sie ertranken.
Yemaya (Mutter Ozean) hat so viele ihrer Kinder wieder in ihren Schoß aufgenommen.
Diejenigen, die auf Kuba ankamen hatten nichts, außer der Kleidung, die sie am Leibe trugen und ihrem Glauben an die Orishas. Viele von ihnen waren in ihrer Heimat Priesterinnen und Priester gewesen und verfügten über einen reichhaltigen Schatz an Überlieferungen und Wissen (über religiöse, magische und spirituelle Rituale, Heilkräuteranwendungen, Sagen, Gebräuche, u.v.m.). Sie schafften es, trotz widriger Umstände, ihre Tradition lebendig zu halten, weiter auszuüben und an Neueingeweihte weiterzugeben. Auf diesen Ahnen fußt die Santeria-Religion, ihnen gebührt in der Santeria unser Respekt und unsere Verehrung. Jede Santera und jeder Santero kennt das Ibaye, das Gebet an die Ahnen (leibliche und spirituelle), welches Bestandteil jedes Rituals ist und mit dem wir uns an die Kraft unserer Ahnen anbinden. Von ihnen leitet sich unsere spirituelle Linie her, sie sind die "auf deren Schultern wir stehen" und die uns "groß machen".
Die Plastik-Santeros, die vorgeben dieser Tradition anzugehören, obwohl sie niemals initiiert wurden, treten die Würde dieser Menschen nachträglich mit Füssen. Es ist so, als würden sie auf die Gräber unserer Ahnen spucken. Damit beleidigen sie die Egun und die Orishas und alle Priesterinnen und Priester, die Hüter dieses alten Wissens sind.

Wie erkennt man, ob eine Person ordentlich geweihte Priesterin/Priester der Santeria ist oder nur ein Plastik-Santero ?
Beim Ritual der "Krönung" (die Weihung der Priesterin/ des Priesters) sind stets Zeugen anwesend, deren Namen unter anderem in dem Büchlein festgehalten werden, welches der/dem frischgeweihten Priesterin/Priester nach ihrem 3-Monats-Ebbo von Madrina bzw. Padrino überreicht wird. Ebenfalls in diesem Büchlein festgehalten ist das Datum der Weihe (Krönung), das Ita, aus dem sich auch das Geburts-Odu einer Priesterin ableiten lässt, genauso wie ihr ritueller Name, die Namen ihrer Madrina bzw. Padrinos und der/des Ayugbona(s).
Auch die Pfade einzelner Orishas stehen in diesem Büchlein (Libreta).

Eine echte Priesterin/Priester kann also auf Nachfrage nicht nur ihren/seinen Orisha-Namen und Ort und Datum ihrer/seiner Weihe nennen, sondern auch die Orishas (eventuell inklusive Pfad), deren Kind sie/er ist, sowie das Geburts-Odu. Den Namen (bürgerlichen und Orisha-Namen) ihrer Madrina (ihres Padrinos) und den der/des Ayugbonas sollte sie/er ebenfalls kennen (diese Angaben sollte man auch ruhig nachprüfen, etwas, was in Zeiten des Internets und des Telefons normalerweise kein allzu großes Problem darstellen sollte). Außerdem sollte sie/er in der Lage sein mindestens drei Zeugen für ihre Weihe zu benennen, die für sie/ihn bürgen (auch hierbei gilt, dass man diese Angaben ruhig nachprüfen sollte).
Wenn eine Person vorgibt Santero zu sein aber nicht in der Lage ist, die oben genannten Fragen zu beantworten ist äußerste Vorsicht angebracht, da es sich hierbei mit höchster Wahrscheinlichkeit um einen Plastik-Santero handelt, einen Scharlatan, der die Gutgläubigkeit der Hilfesuchenden ausnutzt.

Zur Klarstellung: es geht mir hier nicht um Menschen, die den Orishas Respekt erweisen, ihnen Altäre errichten und zu ihnen beten oder ihnen bestimmte Gaben darbringen. Das kann und darf jeder auch wenn er nicht in die Santeria-Tradition aufgenommen wurden. Mir geht es in dem Text ausdrücklich um Personen, die sich selber als Santeria-PriesterInnen bezeichnen und/oder behaupten, sie würden magisch und spirituell innerhalb der Santeria-Tradition arbeiten (und diese Dienste dann auch noch anderen Menschen anbieten), ohne dass sie je in diese Tradition aufgenommen wurden oder die Priesterweihen erhalten haben.

Eine Liste von ordentlich initiierten PriesterInnen findet man übrigens hier.



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